Darf es noch ein wenig Photoshop sein?

Vor einiger Zeit habe ich bei Instagram eine Story gepostet, in der ich habe durchblicken lassen, dass ich gerade ein Bild in Photoshop bearbeite. Dabei ging es um ein Bild aus der Serie ballons.

Aber warum und wann nutze ich eigentlich Photoshop? Im Podcast habe ich doch immer behauptet, Photoshop wäre bei mir kaum anzutreffen. Und generell: Wie viel wird bei mir bearbeitet? Und warum nutzen andere Fotografen dieses Programm?

Nun, zur Beantwortung der zweiten Frage habe ich Heiko und Oliver als Coautoren eingeladen. Den Text von Heiko wird es die nächsten Tage hier zu lesen geben. Zunächst müsst ihr euch also mit den Texten von Oliver und mir begnügen.

Inhaltsverzeichnis:

  1. Olivers Bildbearbeitung
  2. Heikos Bildbearbeitung
  3. Meine Bildbearbeitung

Vorweg:
Ich möchte hier noch klarstellen, dass es mehrere Programme zur Bildmanipulation wie Photoshop gibt und auch mehr RAW-Entwickler als nur Lightroom. Da wir drei aber diese Programme benutzen, bezieht sich dieser Text auf eben diese Programme.
So viele Fotografen wie es auf der Welt gibt, so gibt es auch verschiedene Ansichten über die Bildbearbeitung. Dieser Text spiegelt also nur meine Ansichten und die meiner Kollegen wieder, wobei keine als richtig oder falsch zu verstehen ist.

Olivers Bildbearbeitung

Eigentlich kann man meinen Standpunkt zur Bildbearbeitung in zwei Sätzen zusammenfassen:

  • Ich wende alles an, was den gewünschten Bildeindruck verstärkt.
  • Was von ihm ablenkt, entferne ich.

Welches Werkzeug ich dafür verwende, ist zweitrangig, auch in der Benutzung habe ich mir keine Grenzen auferlegt. Meine Bilder müssen nicht „echt“, nicht „authentisch“ sein. Kaum eins meiner Bilder behält seine Originalfarben, ich liebe Color Grading. Stimmungen sind mir wichtiger als Farbechtheit, Produktbilder ausgenommen. Zur Verdeutlichung zeige ich euch zwei Beispiele:

Beispiel 1: Ein Fine Art Portrait

Ziel war, ein Portrait einer jungen Frau zu erstellen, das wie ein altes Gemälde wirkt. Störende Bildelemente gab es nicht zu entfernen, da der Hintergrund ausreichte, einheitlich dunkel war, das Kostüm von Designerin Katrin Belen und Haare und Makeup von Rosa la losa hervorragend waren.

Vor einer Bearbeitung überlege ich mir, welche Dinge ich ändern möchte. Hier waren es zum Beispiel Korrekturen am Licht (Gesicht aufhellen, Federbusch abdunkeln), Erzeugen eines flauen, leicht unscharfen Bildes, künstliche Alterung durch Color Grading (schimmeliges Grün in den Schatten, vergilbtes Gelb in den Lichtern), Entsättigung und Vignettierung zur weiteren Verstärkung des Alterns. Alle diese Effekte wurden mit Lightroom erzeugt.

Model: Carina Meyer
Fotograf: Oliver Rindelaub

Fashion Designer: Katrin Belen
Hair & Makeup: Rosa la losa

Beispiel 2: Ein Burlesque Portrait

Wann benutze ich denn Photoshop, wann reichen Programme wie Lightroom oder Capture One nicht mehr? Hier ist ein Burlesque Portrait, das einen bühnenartigen Eindruck vermitteln soll. Das Model soll idealisiert, glamourös dargestellt werden.

Es fällt sofort auf, dass im fertigen Bild zwei weitere Spots samt Lichtkegel im Hintergrund eingefügt wurden. Neben der Aufhellung der Haare und des Gesichts wurde auch der rote Farbton der Hüfte dem des Oberkörpers angepasst. Schlussendlich habe ich auch eine Beautyretusche der Haut vorgenommen und auch vor der Entfernung der Nasolabialfalten nicht zurückgeschreckt. Diese Künstlichkeit passt für mich in das Thema Burlesque.

Model: Miss Souls
Fotograf: Oliver Rindelaub

Ihr seht: Je nach Thema und Stimmung benutze ich die Bearbeitungswerkzeuge mehr oder weniger stark zur Bildmanipulation. Es mag an den von mir bevorzugten Bereichen der Peoplefotografie liegen, nämlich Fashion, Beauty und Commercial, aber auch in anderen Aufnahmebereichen setze ich auf eine idealisierende, dem Model schmeichelnde Bearbeitung. Sofern nicht die Hässlichkeit als Bildeindruck erwünscht ist. Für mich ist die Bildbearbeitung die Fortsetzung des in der Kamera entstandenen Bildes und der Absicht, mit der es gemacht wurde.

Heikos Bildbearbeitung

Wenn man mich fragt: „Bearbeitest du deine Bilder?”

Kann ich nur mit „Ja, immer” antworten, denn ich fotografiere in RAW.

Dabei nutze ich Lightroom und Photoshop. Lightroom für die „Entwicklung” und den Bildstil. 

Photoshop für die Retusche und kreative Veränderungen (z.B. Klonen, Levitation und später vielleicht Composing).

Model: Marielle
Model: Robin

Ich bin da auch kein Profi in der Anwendung dieser umfangreichen Programme. Ich schätze, dass ich Lightroom zu 20% beherrsche, Photoshop vielleicht zu 5-10%. Ich weiß zumindest, wie man Presets und Aktionen erstellt. Aus Bequemlichkeit  habe ich mir aber für PS das Add on „Beauty Retouch CC” (von Kalvin Hollywood) besorgt, das mir die Retusche erheblich erleichtert und mir einen gewissen Workflow vorgibt. 

Meinen Workflow habe ich vor Kurzem geändert. Und zwar starte ich die Bearbeitung nun immer mit Photoshop (o.k., die Helligkeit passe ich vorher noch in Lightroom an).  Nach Bedarf geht es in folgende Arbeitsschritte:

  1. Verflüssigen, bei ungünstigen Dellen
  2. Grobretusche: Flecken, Haare, Laternen, Mülleimer, Lichtflecken, also alles was irgendwie stört. Auf Ebenen: Hintergrund, Körper, Gesicht (da hauptsächlich Haare)
  3. Frequenztrennung: Zur Entfernung von Pickeln oder anderen Unreinheiten und Farbanpassung von Augenringen oder anderen Flecken.
  4. Leicht Abpudern, meistens um die Übergänge bei der Fleckenbeseitigung anzugleichen.
  5. Dodge & Burn
  6. Augenfarbe betonen (Hände weg vom Augenweiß), Zähne leicht weißen
  7. ggf. Haare zum Abdecken hinzufügen/füllen
  8. ggf. nachschminken

Mal fahre ich das volle Programm von 1-8, mal nur Punkt 3 und 5.

Model: Nicole

Danach geht es in Lightroom, wo das Bild den Look bekommt, der meinem aktuellen Empfinden entspricht. Wobei ich nun die Möglichkeit habe, auch den Look einfach mal zu ändern, ohne die Retusche nochmal neu machen zu müssen, weil z.B. die Farbe von der Frequenztrennung nicht mehr passt.

Model: Nicole

Meine Bildbearbeitung

Aber fangen wir von vorne an: Was genau mache ich eigentlich in Lightroom (RAW-Entwicklung) und wann und warum würde ich in Photoshop (Bildmanipulation) gehen?

Ich halte mich an das Mantra “Temporäres kann weg, Dauerhaftes sollte bleiben”. Mit anderen Worten: Ein Pickelchen kann man wegstempeln, eine Narbe würde ich nicht anrühren. Denn diese erzählen Geschichten, die ich gerne in den Bildern zeigen möchte.

Ich fange mal mit einem Beispiel aus dem Shooting differently an. Hier habe ich komplett auf Photoshop verzichtet und die komplette Bildbearbeitung fand in Lightroom statt. Ich habe lediglich versucht die Fehlerchen, die ich beim Fotografieren gemacht habe, zu korrigieren. Mir war z.B. das Bild etwas zu dunkel. Dazu kommen noch ein paar weitere Grundeinstellungen. Mehr war es in diesem Fall schon nicht.

Kommen wir nun nochmal zu dem Beispiel aus der Serie ballons. Ich brauchte für den Featured-Slider ein Bild im Querformat 16:9. Ein geeignetes Bild war schnell gefunden, aber die Ballons waren kaum zu sehen. Durch den Bildschnitt, den ich gewählt hatte um das Modell zu positionieren, wurden diese nahezu komplett abgeschnitten. Nun sah man nur noch ein Modell im Teilakt und der Titel lautet “Ballons”, ohne dass man Luftballons sehen konnte. Naja… die entstandene Zweideutigkeit zwischen dem Titel und dem Rohbild wollte ich um jeden Preis vermeiden und habe so kurzerhand die Ballons einfach etwas heruntergesetzt.

Ich hoffe, ihr gebt mir Recht mit meiner Aussage, dass ich den Bildstil und die Bildaussage nicht geändert habe. Ich habe lediglich etwas im Hintergrund korrigiert. Photoshop nutze ich, um einen Fehler zu korrigieren.

Ein weiteres Beispiel:

Bei dem Shooting der Serie a hidden place ist mir leider die Kamera etwas in Schieflage geraten, kann ja mal passieren (hust). Aber das Bild als solches hatte uns überzeugt. Wegen so einem Fauxpas wollte ich das Bild nicht aussortieren.

Die Lösung hier war ebenfalls Photoshop. Mit diesem Programm konnte ich das Bild geradeziehen, die Couch neu positionieren (und die Flecken in einem entfernen, was auch in Lightroom funktionieren würde) und rechts den Boden etwas verlängern (diese Funktion ist dann Photoshop vorbehalten).

Aber auch hier gilt wieder: Die Bildaussage bleibt unberührt. Zumindest ist das meine fromme Hoffnung.

Als letztes Beispiel habe ich noch eines aus dem Bereich der Retusche, das Bild stammt aus der Reihe melancholy.

Machen wir uns nichts vor: Viele Funktionen sind in Photoshop einfach leichter, schneller und präziser als in Lightroom. Zumindest bis zu Lightroom V11, ab hier soll ja vieles besser sein.

Aber sei es drum, das Thema Dodge and Burn ist einfach präziser in Photoshop und auch das Wegstempeln geht schneller.

Das Bild hatte ich sowieso in Photoshop geöffnet, um die Vorhänge etwas aus dem Bild zu ziehen. Dann kann man die kleine Retusche auch in Photoshop machen… Man ist ja eh einmal da.

Schlusswort:
Ich bleibe also bei dem, was ich schon im Podcast gesagt habe. Ich versuche so wenig wie möglich Photoshop einzusetzen, aber hin und wieder nutze ich es dann schon.
Vor allem, wenn ich wieder zu blöd war, die Kamera gerade zu halten 😉

Gerne dürft Ihr uns eure Meinung zu diesem Thema per Mail oder Instagram mitteilen.

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